Ich bin nicht meine Famlie.

Über gut gemeinte Ratschläge, vermeintliche Sicherheit und die Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen.

„Warum willst Du das denn jetzt aufgeben?“

Diese Frage habe ich in meinem Leben immer wieder gehört. Besonders von meiner Familie. Und ich kann sie verstehen. Wirklich. Denn meine Familie und ich haben ziemlich unterschiedliche Vorstellungen davon, was ein gutes und sicheres Leben ausmacht.

Ein sicherer Weg. Zumindest für die anderen.

Ich war die Erste in unserer Familie, welche die Möglichkeit hatte, Abitur zu machen. Das war etwas Besonderes. Etwas, worauf man stolz sein konnte. Und bei meinem Opa, war das quasi gesetzt, dass ich Abitur mache.

Nur wollte ich eigentlich gar kein Abitur machen. Ich wollte raus aus der Schule, etwas anderes erleben, ins Berufsleben starten. Doch ich wusste, wie viel es vorallem meiner Mama und meinem Opa bedeutete. Also machte ich mein Abitur.

Anschließend wollte ich nicht studieren. Ich entschied mich für eine Ausbildung. Und als ich danach ein Jobangebot bekam, wollte ich auch dieses nicht annehmen. Für meine Mama war das eine Katastrophe 😅

Da lag eine sichere Arbeitsstelle vor mir. Ein regelmäßiges Einkommen. Eine Perspektive. Und ich wollte sie einfach ausschlagen. Heute kann ich nachvollziehen, was damals in ihr vorging. Unsere Eltern möchten ihre Kinder in Sicherheit wissen. Sie möchten, dass wir unsere Miete bezahlen können, genügend Geld zum Leben haben und möglichst wenig existenzielle Sorgen erleben müssen.

Und natürlich geben sie uns dabei das weiter, was sie selbst gelernt haben. Meine Mama war über Jahrzehnte im gleichen Beruf tätig. Sie hatte dort ihre Sicherheit gefunden und war zufrieden damit. Warum sollte ich also einen anderen Weg einschlagen?

Und dann habe ich es wieder getan.

Viele Jahre hatte ich einen unbefristeten Arbeitsvertrag, ein wirklich gutes Gehalt und einen sicheren Arbeitsplatz. Und, logisch: ich kündigte. Ich machte mich selbstständig, weil ich mir eine Arbeitswelt erschaffen wollte, welche besser zu unserem Familienleben passte. Das war meine Entscheidung. Ich baute mein erstes eigenes Business auf, war sogar ausgebucht und verdiente gutes Geld.

Eigentlich hätte ich genauso weitermachen können. Doch irgendwann spürte ich, dass es für mich nicht mehr das Richtige war. Ich wollte etwas verändern. Als ich meiner Mama davon erzählte, kam wieder diese Frage:

„Warum?“

Warum wollte ich etwas aufgeben, das doch so gut funktionierte?

Ja, Mama. Ich verstehe Dich. Doch ich bin nicht Du.

Sicherheit fühlt sich für jeden Menschen anders an.

Ich finde es interessant, wie unterschiedlich wir Menschen Sicherheit empfinden. Für den einen bedeutet sie, einen unbefristeten Arbeitsvertrag zu haben. Jeden Monat das gleiche Gehalt zu bekommen. Zu wissen, wie die nächsten Jahre ungefähr aussehen werden.

Für jemand anderen kann genau diese Vorstellung irgendwann einengend werden. Ich habe immer wieder erlebt, dass in mir irgendwann etwas ganz deutlich sagt: Hier geht es für mich nicht weiter. Manchmal kann ich das sofort erklären. Manchmal fehlen mir selbst noch die Worte dafür. Ich weiß nur, dass etwas nicht mehr stimmig ist. Und wenn ich dieses Gefühl dauerhaft übergehe, merke ich das ziemlich deutlich. Dann werde ich unzufrieden. Stur. Manchmal richtig stinkig 😅

Ich habe keine Lust mehr auf das, was ich tue, obwohl es von außen betrachtet vielleicht wunderbar funktioniert. Natürlich ist nicht jede Unzufriedenheit ein Zeichen dafür, dass ich sofort alles hinschmeißen sollte. Doch ich habe gelernt, diese innere Stimme ernst zu nehmen. Denn ich bin diejenige, die morgens aufsteht und dieses Leben führt. Ich bin diejenige, die mit meinen Entscheidungen lebt. Und ich bin auch diejenige, die irgendwann spürt, wenn etwas nicht mehr passt.

Ich kann Dich verstehen und trotzdem anders entscheiden.

Ich glaube, das ist eine der schönsten Erkenntnisse, die ich im Laufe meines Lebens gewinnen durfte. Ich muss die Vorstellungen meiner Familie nicht ablehnen, um meinen eigenen Weg gehen zu können. Ich darf verstehen, warum ihr Sicherheit so wichtig ist. Ich darf ihre Erfahrungen anerkennen und ihre Sorgen ernst nehmen. Und trotzdem eine andere Entscheidung treffen.

Denn sie haben ihr Leben gelebt. Mit ihren Möglichkeiten, ihren Erfahrungen und ihren Vorstellungen davon, was richtig ist. Und ich lebe meines. Vielleicht hätten sie manche meiner Entscheidungen niemals getroffen. Vielleicht hätte ich manche ihrer Entscheidungen niemals getroffen. Und beides darf sein.

Ich brauche nicht mehr darauf zu warten, dass sie meine Entscheidungen genauso gut finden wie ich. Ich muss sie auch nicht davon überzeugen, dass mein Weg besser ist.

Es reicht, dass es mein Weg ist.

Und vielleicht liegt darin eine besondere Form von Freiheit. Die Menschen, die wir lieben, dürfen andere Vorstellungen von unserem Leben haben. Wir dürfen sie lieben, ihre Perspektive verstehen und trotzdem unseren eigenen Weg gehen. Denn am Ende möchte ich nicht irgendwann zurückblicken und feststellen, dass ich ein Leben geführt habe, mit dem alle anderen zufrieden waren.

Ich möchte mit meinem eigenen Leben zufrieden sein.

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Ich muss hier gar nichts erleben.