Über das Leben auf Reisen und die wunderbare Erkenntnis, dass ein gewöhnlicher Alltag vollkommen ausreichend ist.
Wir leben gerade in Indonesien. In Bogor, südlich von Jakarta. Um uns herum gibt es Vulkane, wunderschöne Natur, unzählige Ausflugsziele und Möglichkeiten, dieses Land zu entdecken. Und ich?
Ich habe gerade überhaupt keine Lust auf Sightseeing 😅
Ich möchte morgens aufstehen, in Ruhe frühstücken, ins Fitnessstudio gehen, meine Pflanzen gießen und vielleicht noch ein paar Lebensmittel einkaufen. Fertig.
Und weißt Du was? Ich finde das mega gut!
Ich bin hier nicht im Urlaub.
Seit wir als Familie auf Reisen sind, leben wir immer wieder in anderen Ländern. Wir lernen neue Orte kennen, begegnen anderen Kulturen, hören fremde Sprachen und versuchen, uns einen Alltag aufzubauen. Und genau das ist manchmal schon ein ziemlich großes Abenteuer. Wenn ich hier in Bogor fünf Stunden unterwegs bin, komme ich nach Hause und bin knülle.
Die vielen Menschen, der Verkehr, die Geräusche, die Wärme, die Gerüche. All diese Eindrücke wollen verarbeitet werden. Manchmal lege ich mich danach erst einmal hin und schlafe. Und am nächsten Tag möchte ich am liebsten überhaupt nicht raus. Dabei gäbe es hier so viel zu entdecken. Natürlich kenne ich diese kleine Stimme, die sagt: „Juli, Du bist in Indonesien! Andere Menschen träumen davon, hierherzureisen. Du musst Dir doch wenigstens die Sehenswürdigkeiten anschauen!“
Aber warum eigentlich?
Wenn ich zwei Wochen Urlaub mache, dann fahre ich vielleicht ganz bewusst an einen Ort, um ihn touristisch zu entdecken. Doch wir, wir leben hier. Wir müssen einkaufen, zum Zahnarzt, kümmern uns um unseren Alltag, arbeiten, lernen, gehen zum Sport. Und ganz nebenbei lernen wir dieses Land kennen. Durch die Menschen, denen wir begegnen. Durch die Lebensmittel in den Geschäften. Durch die Straßen, die wir immer wieder entlangfahren. Durch die kleinen Eigenheiten des Alltags. Ich finde, das ist unglaublich viel.
Ein Leben voller besonderer Momente
Ich glaube, wir haben uns ziemlich daran gewöhnt, dass unser Leben möglichst besonders aussehen soll. Besondere Reisen. Besondere Erlebnisse. Besondere Orte. Besondere Geschichten. Und natürlich lässt sich all das wunderbar auf Social Media zeigen.
Da steht jemand auf einem Vulkan und schaut in den Sonnenaufgang. Jemand anderes schwimmt mit Schildkröten oder entdeckt einen versteckten Wasserfall. Ich stehe in meinem kleinen Vorgarten und gieße voller Genuss die Pflanzen 😄
Ich schaue, ob sie genügend Licht bekommen. Ob ein neues Blatt gewachsen ist. Ob es ihnen gut geht. Und ich freue mich darüber. Ganz ohne spektakuläre Aussicht. Ohne Eintrittskarte. Ohne irgendein besonderes Erlebnis, von dem ich später erzählen könnte.
Ich bin einfach da.
Irgendwann im September wurde mir bewusst, wie unglaublich erleichternd das für mich ist.
Ich muss aus dieser Reise überhaupt nichts machen.
Ich muss keine Sehenswürdigkeiten abhaken. Keine besonderen Erfahrungen sammeln. Keine Geschichte produzieren, die andere Menschen beeindruckt. Ich darf einfach hier leben.
Vielleicht ist das auch schon das ganze Abenteuer.
Früher habe ich gedacht, dass ich eine solche Möglichkeit unbedingt ausnutzen muss. Wenn wir schon einmal hier sind, dann müssen wir doch auch möglichst viel sehen! - ganz nach meinem Opa ;)
Inzwischen empfinde ich das anders. Ich genieße es, wenn mir Wege vertraut werden. Wenn ich weiß, wo ich einkaufen kann. Wenn ich Menschen wiedererkenne. Wenn sich ein fremder Ort langsam wie ein Zuhause anfühlt.
Das sind für mich wunderschöne Erfahrungen. Und ich merke, dass ich gerade überhaupt kein Bedürfnis habe, ständig neue Eindrücke zu sammeln. Es darf ruhig sein. Es darf gewöhnlich sein. Es darf sogar ein bisschen langweilig aussehen. Vielleicht ist genau das eine der schönsten Freiheiten, die ich auf unserer Reise entdeckt habe:
Ich darf an einem außergewöhnlichen Ort ein ganz gewöhnliches Leben führen.
Und dieses Leben genießen.
Ich weiß nicht, ob ich irgendwann wieder Lust bekomme, Vulkane zu besteigen, Wasserfälle zu entdecken oder irgendwelche verrückten Abenteuer zu erleben. Vielleicht ja. Vielleicht auch nicht. Gerade bin ich einfach glücklich damit, meine Pflanzen wachsen zu sehen, zum Sport zu gehen und unseren Alltag zu leben.
Und das Verrückte daran? Ich habe überhaupt nicht das Gefühl, irgendetwas zu verpassen. Im Gegenteil; ich habe das Gefühl, endlich nichts mehr aus meinem Leben herausholen zu müssen.
Ich darf es einfach leben.