Über Bücher, Identitäten und die Freiheit, sich selbst immer wieder neu zu entdecken.
Ich liebe Bücher. Wirklich. Für mich haben Bücher schon immer etwas mit Reichtum zu tun gehabt. Mit Wissen, Möglichkeiten und all den Welten, die sich zwischen zwei Buchdeckeln verbergen.
Als wir unsere Auswanderung vorbereiteten, musste ich mich von einem sehr, seeehr großen Teil meiner Bücher verabschieden. Und das fiel mir unglaublich schwer. Da standen sie: Bücher über Kräuterkunde, Psychologie, Kunst, Musik, verschiedene Sprachen, Spiritualität und noch so vieles mehr. Und während ich sie aussortierte, fiel mir plötzlich etwas auf.
Viele dieser Bücher hatte ich niemals gelesen.
Ich musste schmunzeln. Denn mir wurde bewusst, dass diese Bücher noch eine ganz andere Aufgabe in meinem Leben übernommen hatten. Sie waren ein Teil meiner Identität geworden.
Ein Bücherregal voller Möglichkeiten
Stell Dir vor, jemand wäre damals in mein Zimmer gekommen und hätte sich meine Bücherregale angeschaut. Er hätte vermutlich gedacht: Wow, Juli kennt sich mit Kräutern aus. Sie beschäftigt sich mit Kunst, spricht verschiedene Sprachen, interessiert sich für Psychologie und Musik.
Ich wollte diese Frau sein. Die Frau, die durch den Wald geht und genau weiß, welche Pflanze wofür verwendet werden kann. Die über ein unglaubliches Wissen verfügt, Zusammenhänge erkennt und auf jede Frage eine interessante Antwort hat.
Nur war ich diese Frau in vielen Bereichen gar nicht. Ich kann ein paar Kräuter bestimmen. Ich weiß, welche Pflanzen ich im Wald essen kann und habe meine Freude daran. Doch eine Kräuterkundige? So hätte ich mich selbst nicht bezeichnet.
Ich hatte mir mit meinen Büchern eine kleine Welt erschaffen, in der all diese Fähigkeiten bereits ihren Platz hatten. Auch wenn ich sie noch gar nicht wirklich lebte.
Manchmal reicht es uns offenbar schon, die Möglichkeit einer bestimmten Identität in unserem Leben zu haben.
Und vielleicht war genau das der Grund, warum ich mich so schwer von diesen Büchern trennen konnte. Ich verabschiedete mich schließlich auch von Vorstellungen darüber, wer ich eines Tages sein wollte.
Ein Stück meines Opas
Während ich darüber nachdachte, wurde mir bewusst, dass diese Sehnsucht nach Wissen auch mit meinem Opa verbunden war. Er war unglaublich wissbegierig. Ein Mensch, der so vieles wusste und mir als Kind einiges davon weitergegeben hat. Und ich glaube, ein Teil von mir wollte immer ein bisschen so sein wie er.
Vielleicht wollte ich dieses Wissen weitertragen. Vielleicht wollte ich ihm auch imponieren. Vielleicht wollte ich irgendwann selbst diejenige sein, die all diese Dinge erklären und weitergeben kann. Vieles von dem, was er mir beigebracht hat, liegt irgendwo tief in meiner Erinnerung vergraben.
Die Vorstellung, einmal ähnlich viel zu wissen wie er, hatte ich offenbar mitgenommen. Und so standen da all diese Bücher. Wie kleine Versprechen an eine zukünftige Juli.
Irgendwann werde ich das alles wissen. Irgendwann werde ich diese Frau sein.
Diese Bücher waren auch Ausdruck meiner Bewunderung für einen Menschen, den ich sehr gemocht habe.
Und wer bin ich ohne all das?
Seit wir als Familie auf Reisen sind, begegnet mir dieses Thema immer wieder.
Wir haben unseren Besitz wirklich stark minimiert. Vieles, was früher ganz selbstverständlich zu meinem Alltag gehörte, ist heute einfach nicht mehr da: Meine Kristalle. Meine Trommel. Meine Felle. Meine Kerzen und all die Gegenstände, mit denen ich über Jahre spirituell und energetisch gearbeitet habe.
Plötzlich ist da ganz viel Raum. Und ich stelle fest, dass ich manche Dinge tatsächlich vermisse. Bestimmte Rituale zum Beispiel. Das Arbeiten mit Kerzen. Diese ganz eigene Atmosphäre, die ich mir damit geschaffen habe. Andere Dinge fehlen mir überhaupt nicht.
Und das finde ich super interessant, denn ich beginne mich zu fragen, was davon wirklich zu mir gehört. Was ich aus Freude getan habe. Und was vielleicht auch zu einer Vorstellung von mir selbst geworden war. Zu der Frau, die ich glaubte sein zu müssen.
Die spirituelle Frau. Die wissende Frau. Die Frau mit den Kristallen, den Ritualen und dem besonderen Zugang zu all diesen Dingen.
Dabei sind meine Fähigkeiten ja nicht plötzlich verschwunden, nur weil ich die dazugehörigen Gegenstände nicht mehr besitze.
Ich bin immer noch ich.
Und vielleicht darf ich manche Dinge auch einfach wieder neu entdecken. Ohne die Verpflichtung, eine frühere Version von mir aufrechterhalten zu müssen.