Schaffe Raum für Wachstum

Vor über einem Jahr habe ich mit meiner Familie unser gewohntes Leben verlassen.

Wir sind auf Weltreise gegangen. Meine Kinder sind derzeit frei von Schulpflicht, wir haben keine klassische schulische Begleitung und zum ersten Mal in unserem Leben gibt es sehr wenig, das von außen bestimmt, wann wir aufstehen, wann wir essen, wann wir arbeiten oder lernen und wie unsere Tage auszusehen haben.

Ich wusste, dass sich dadurch vieles verändern würde. Was ich nicht wusste, war, wie lange es dauern würde, bis ich wirklich begreife, wie wir eigentlich leben, wenn uns niemand sagt, wie wir leben sollen.

Unsere Tage sind heute langsamer. Bei uns gibt es Mittagessen manchmal erst um 14 oder 15 Uhr. Eines meiner Kinder steht früh auf, das andere spät. Wir brauchen keine fünf Unternehmungen in der Woche. Manchmal reicht uns ein besonderer Ausflug vollkommen. Und ich liebe es bis heute, wenn meine Kinder ausgeschlafen, mit roten Bäckchen und einem Grinsen im Gesicht vor mir stehen.

Es ist so viel Ruhe entstanden. Nicht, weil wir plötzlich ein vollkommen anderes Leben führen. Sondern weil so vieles weggefallen ist: Schulbus um sieben. Termine. Hobbys. Freizeitstress. Dieses ständige Gefühl, irgendwohin zu müssen oder etwas mitnehmen zu müssen, weil man es eben so macht. Natürlich könnte man unseren Rhythmus langweilig finden. Ich nenne ihn inzwischen Entspannung.

Wie viel Raum brauchen wir eigentlich?
Ich liebe große Räume. Räume, in denen ich mich drehen kann. In denen ich ein Rad schlagen könnte. In denen ich nicht ständig darauf achten muss, irgendwo anzuecken. Räume, in denen ich laut „Wuhuuu“ rufen kann, ohne mich sofort wieder kleiner zu machen. Und vielleicht ist das auch eine ziemlich gute Beschreibung dafür, wie ich leben möchte. Ich brauche Raum. Um mich zu bewegen, um zu erschaffen, um herauszufinden, wohin ich eigentlich möchte.

Was ich auf dieser Reise allerdings gelernt habe:
Raum entsteht nicht einfach dadurch, dass alle Grenzen verschwinden.
Als plötzlich kaum noch jemand von außen vorgab, was wir wann zu tun haben, war da zunächst diese unglaubliche Fülle an Möglichkeiten. Wir können überall hin. Wir können unsere Tage gestalten, wie wir wollen. Wir können heute dies und morgen etwas völlig anderes tun. Klingt nach Freiheit. Und kann verdammt anstrengend sein. Denn wenn niemand mehr sagt, was zu tun ist, bedeutet Freiheit plötzlich:

Ich muss selbst entscheiden, was zu tun ist.

Und damit kommt Eigenverantwortung. Wir mussten erst lernen, innerhalb dieser scheinbaren Unendlichkeit unsere eigenen Grenzen zu ziehen. Uns selbst Strukturen zu geben. Herauszufinden, welche Rhythmen uns guttun, statt einfach die Rhythmen zu übernehmen, die bereits da sind. Ich glaube, wir wachsen bis heute hinein. Und ich genieße genau das sehr.

Vielleicht waren wir nie dafür gemacht, so schnell zu sein. Unter unseren alten Strukturen waren wir häufiger erschöpft. Angespannter. Und ich als Mama definitiv schneller gereizt und überfordert. Heute weiß ich: Vieles davon war gar keine Eigenschaft von mir. Es war eine Reaktion auf die Bedingungen, unter denen ich gelebt habe.

Das finde ich persönlich unglaublich spannend, denn wie oft glauben wir:

So bin ich eben.

Dabei kennen wir uns vielleicht hauptsächlich innerhalb eines Systems, das bestimmte Dinge von uns verlangt. Wie bist Du, wenn morgens kein Wecker klingelt? Wie viel Gesellschaft brauchst Du wirklich Wie viel möchtest Du erleben? Wie schnell möchtest Du arbeiten? Wie viel Ruhe brauchst Du? Wie viel Struktur tut Dir gut und ab wann wird sie eng?

Es hat bei mir über ein Jahr gedauert, bis ich gemerkt habe, dass etwas in mir wirklich ruhiger wird. Und ich kann bis heute nicht genau benennen, was passiert ist. Irgendetwas hat sich gelöst. Ich bin mehr bei mir. Vielleicht musste dafür gar nichts Neues dazukommen. Vielleicht musste einfach lange genug etwas wegbleiben.

Wachstum braucht nicht immer mehr. Wir leben in einer Welt, in der Wachstum häufig bedeutet, etwas hinzuzufügen. Noch eine Erfahrung. Noch eine Fähigkeit. Noch ein Termin. Noch ein Kontakt. Noch ein Ziel. Ich erlebe gerade das Gegenteil. Manchmal braucht Wachstum freien Raum. Eine Stelle, die noch nicht verplant ist. Zeit, in der niemand etwas von uns möchte. Die Möglichkeit, einen eigenen Rhythmus überhaupt erst wahrzunehmen. Und vielleicht auch die Bereitschaft auszuhalten, dass dieser Rhythmus von außen betrachtet gar nicht besonders spektakulär aussieht.

Ich möchte mein Leben nicht möglichst voll machen. Ich möchte darin Platz haben. Platz, mich zu bewegen. Mich zu verändern. Etwas entstehen zu lassen. Und manchmal auch einfach gar nichts zu tun. Vielleicht bedeutet Raum für Wachstum zu schaffen deshalb gar nicht, die perfekte Umgebung für das nächste große Ziel zu bauen. Vielleicht bedeutet es manchmal nur, genug von dem wegzulassen, was uns ständig beschäftigt, damit wir überhaupt wieder hören können, was in uns selbst längst wachsen möchte.

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