Über unsere Natürlichkeit, gesellschaftliche Vorstellungen und die wunderbare Erkenntnis, dass wir nicht alle gleich sein müssen.
„Juli, trampel nicht so!“
Diesen Satz habe ich als Kind häufiger gehört. Ich bin offenbar nicht besonders elegant durch die Gegend geschwebt 😅 Ich bin gelaufen. Mit Kraft. Mit meinen Füßen fest auf dem Boden. Und das war irgendwie nicht so ganz das, was man sich unter einem Mädchen vorgestellt hat. Mal war meine Stimme zu laut. Dann wieder zu leise. Meine Oberschenkel waren zu kräftig. Meine Bewegungen nicht fein genug.
Irgendwie gab es immer etwas, das ein bisschen anders sein sollte. Und ich glaube, da begann etwas, das wir später häufig gar nicht mehr bewusst wahrnehmen.
Wir lernen ziemlich früh, wie wir sein sollen.
Wer hat eigentlich entschieden, wie ein Mädchen zu sein hat?
Ich finde es interessant, wie selbstverständlich wir bestimmte Vorstellungen übernehmen. Ein Mädchen soll sich auf eine bestimmte Weise bewegen. Eine Frau soll freundlich sein, Rücksicht nehmen, teilen können, sich um andere kümmern. Natürlich sind das alles Fähigkeiten, die wunderbar sein können. Doch was passiert, wenn jemand von Natur aus ganz anders ist? Wenn eine Frau beispielsweise sehr gut darin ist, sich selbst zu führen, ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und ihre Ressourcen für sich einzusetzen?
Dann wird daraus schnell Egoismus. Ich kenne das von mir. Ich teile beispielsweise überhaupt nicht gerne mein Essen. Wirklich absolut nicht 😄
Wenn ich mir etwas zu essen gekocht oder bestellt habe, selbst das Brötchen auf die Hand und jemand nimmt sich einfach etwas davon - geht gar nicht! DAS IST MEIN Essen.
Gleichzeitig bin ich sehr gut darin, mich um mich selbst zu kümmern. Ich kann mich organisieren, Entscheidungen für mich treffen und meinen eigenen Weg verfolgen. Das fällt mir leicht.
Andere Menschen haben wiederum eine ganz natürliche Freude daran, zu teilen, Menschen zusammenzubringen oder für eine Gemeinschaft zu sorgen. Ich finde, genau darin liegt etwas unglaublich Schönes.
Wir bringen unterschiedliche Fähigkeiten mit.
Was, wenn eine vermeintliche Schwäche eine Fähigkeit ist?
Durch meine Arbeit mit BaZi Suanming habe ich begonnen, diese Unterschiede noch einmal aus einer ganz anderen Perspektive zu betrachten:
Im BaZi beschäftigen wir uns mit den natürlichen Anlagen eines Menschen. Mit Fähigkeiten, Potenzialen und den unterschiedlichen Arten, wie Menschen denken, lernen, erschaffen, führen oder mit Ressourcen umgehen. Ich finde das faszinierend. Denn plötzlich können Eigenschaften, die wir vielleicht jahrelang als schwierig empfunden haben, in einem anderen Licht erscheinen. Meine ausgeprägte Fähigkeit zur Selbstführung beispielsweise.
Was gesellschaftlich manchmal als Egoismus betrachtet wird, kann auch bedeuten, dass ein Mensch sehr gut darin ist, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Dass er weiß, was er braucht. Dass er eigenständig Entscheidungen treffen kann.
Eine natürliche Fähigkeit ist nicht automatisch eine Charakterschwäche, nur weil sie nicht den Erwartungen anderer entspricht.
Vielleicht brauchen wir genau diese Unterschiede.
Ich glaube, dass jeder Mensch mit einer ganz eigenen Kombination von Fähigkeiten auf diese Welt kommt. Und ich glaube, dass diese Einzigartigkeit einen Sinn hat. Stell Dir vor, wir wären alle gleich. Alle würden auf dieselbe Weise denken. Dieselben Dinge gut können. Dieselben Aufgaben übernehmen wollen.
Was für eine merkwürdige Welt wäre das?
Wir brauchen Menschen, die führen. Menschen, die verbinden. Menschen, die hinterfragen. Menschen, die forschen, erschaffen, organisieren und neue Wege entdecken. Und manchmal sind es gerade die Eigenschaften, die wir an uns selbst jahrelang verändern wollten, die uns dabei besonders wertvoll machen.
Vielleicht ist die Frau, die immer als zu direkt galt, unglaublich gut darin, Klarheit zu schaffen. Vielleicht erkennt die Frau, die ständig alles hinterfragt, Zusammenhänge, die anderen verborgen bleiben. Vielleicht ist die Frau, die sich nicht ständig um alle anderen kümmern möchte, besonders gut darin, Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen. Ich finde diesen Gedanken wunderschön.
Ich darf mich kennenlernen.
Für mich ist das eine der wertvollsten Möglichkeiten, die BaZi Suanming eröffnen kann. Eine solche Analyse kann uns einen Einblick in unsere natürlichen Anlagen geben. Sie kann sichtbar machen, welche Fähigkeiten in uns angelegt sind und wie unterschiedlich sich diese ausdrücken können. Und manchmal entsteht dadurch eine ganz besondere Erleichterung; dieses Gefühl von:
„Ach, schau mal: Ich bin so.“
Vielleicht muss ich gar nicht ständig versuchen, eine andere Frau zu werden. Vielleicht darf ich erst einmal herausfinden, wie meine eigene Natur eigentlich funktioniert.
Natürlich können wir uns entwickeln. Wir können lernen, wachsen und neue Fähigkeiten ausbilden. Doch ich finde, es ist Unterschied, ob wir uns aus Freude weiterentwickeln oder weil wir glauben, dass mit uns etwas nicht stimmt.
Ich möchte meine Fähigkeiten kennenlernen und sie leben.
Und ich möchte auch die Fähigkeiten anderer Menschen erkennen können, ohne sie ständig an meinen eigenen zu messen. Wir dürfen aufhören, aus jedem Menschen dieselbe Vorstellung von einem gelungenen Menschen machen zu wollen.
Und stattdessen neugierig darauf werden, welche wunderbaren Unterschiede wir eigentlich mitbringen.
Ich jedenfalls bin immer noch kraftvoll unterwegs und trampele manchmal mit voller Freude ganz doll.